Interview

Foto: VcG - Golfvisionäre mit klaren Zielen: Matthias Weber und Florian Astor, Gründer von www.campo-golf.de

Die Golfvisionäre

Hipster-Bart und Tätowierung – mit ihrem Aussehen und einer ungewöhnlichen Geschäftsidee sorgen Florian Astor und Matthias Weber seit einigen Monaten für Aufsehen im deutschen Golfsport. Wie ihre Idee einer Online-Plattform für die Startzeitenbuchung entstanden ist und was genau sich dahinter verbirgt, haben uns die Gründer von www.campo-golf.de verraten …

Florian und Matthias, vor zwei Jahren seid ihr euch als Reisende zufällig in Kolumbien begegnet, heute führt ihr gemeinsam campo-golf.de – wie kam es dazu?

Florian Astor (FA): Ja, das war in der Tat kurios. Ich habe nach meinem BWL-Studium Karriere bei Lufthansa gemacht, vom Trainee bis zum Abteilungsleiter für Vertrieb und das Marketing in Europa. Nach 15 Jahren wollte ich eigentlich nur den nächsten Karriereschritt und einen längeren Urlaub machen. Statt der geplanten sechs Wochen war ich mit Zelt und Rucksack zwei Jahre lang in den Bergen unterwegs. Im Februar 2017 bin ich in Kolumbien in einem Hostel zufällig mit Matthias ins Gespräch gekommen.

Matthias Weber (MW): Genau. Ich war damals nach meinem Design-Studium Freelancer und im Urlaub in Kolumbien. Die Idee, eine Golf-App und Online-Plattform für die Startzeitenbuchung zu bauen, trug ich aber schon eine Weile mit mir herum. Bei einem gemütlichen Bier habe ich dann Florian davon erzählt. Er war sofort Feuer und Flamme!  

Und wie ging es dann weiter?

FA: Ich war begeistert von ihm und der Idee und hatte Lust, mitzumachen. Allerdings war ich kurz davor, von Mexiko nach Kanada zu laufen. Er hat mir dann wenig später seinen Businessplan geschickt, den ich mir dann abends im Zelt angeguckt habe. Wir sind in Kontakt geblieben und als ich ein halbes Jahr später zurück in Deutschland war, haben wir weiter an der Idee gebastelt. Im Dezember 2018 haben wir dann in Mainz unsere Firma campo gegründet. 

Eine Rückkehr ins alte Leben war nicht vorgesehen?

FA: Nein. Durch die Reise hatten sich viele Dinge für mich verändert. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht wieder einem einzigen Ziel hinterherzurennen, sondern bewusst etwas Neues auszuprobieren. Ich habe auf der Reise immer wieder festgestellt, dass die wirklich interessanten Dinge dann passieren, wenn ich meine Komfortzone verlassen habe, und dass sich dadurch sehr viele spannende Opportunitäten ergeben haben. Da kamen Matze und campo einfach zur richtigen Zeit um die Ecke. Golf ist schon lange meine Leidenschaft und von einer eigenen Firma hatte ich keine Ahnung – also ein Sechser im Lotto!

Wie bist du denn auf die Idee gekommen, eine Golf-App zu entwickeln, Matthias?

MW: Auch das war ein Zufall. Ich habe meinen Bruder zu einem Golfturnier begleitet und fand total suspekt, dass da alle mit Zettel und Stift hantieren. Daraufhin wollte ich selber auch mal Golf spielen, aber die Hürde war so hoch und ich habe mich schlichtweg nicht getraut, mit meinem Vierer-Golf auf den Parkplatz im Golfclub zu fahren. Durch mein Studium geht es mir immer um die User Experience. Ich hinterfrage Dinge und überlege, wie sich diese digital verbessern lassen. Es gab keine App oder Website, über die man sich bequem und schnell über die Möglichkeiten zum Golfspielen, die Clubs und die Rahmenbedingungen wie Greenfee-Preise informieren konnte. So entstand die Idee, campo als überregionale, erste Anlaufstelle für Golfbegeisterte und Plattform für die Startzeitbuchung zu entwickeln.

Was genau ist campo?

FA: Unsere App und Online-Plattform bündeln verfügbare Startzeiten von mittlerweile 100 Golfclubs bundesweit auf einen Blick. Golfer können sich bei campo bequem rund um die Uhr informieren und Startzeiten buchen. Auch gibt es immer wieder gute Angebote, die die Clubs einstellen. Es lohnt sich also öfters mal vorbeizuschauen. Bald können auch Golfcarts, Turniere und spezielle Pakete auch für Golfeinsteiger wie Schnupper- und Platzreifekurse gebucht werden. Wir möchten den Sport generell, gerade aber auch für Jüngere, noch zugänglicher machen.

Bei vielen Clubs kann ich ja direkt auf der Homepage meine Startzeit buchen, nur bei wenigen geht es ausschließlich persönlich, zum Beispiel telefonisch. Warum sollte ich eure Plattform nutzen?

MW: Einfach, weil es bequemer und schneller mit campo geht. Ich kann zum Beispiel einen Ort angeben und sofort werden mir alle passenden Zeiten und Golfclubs inklusive ihrer Greenfee-Preise in der Umgebung angezeigt, ohne dass ich bei jedem einzelnen Club erst auf die Homepage gehen oder ihn anrufen muss. 

FA: Mich hat das früher immer selbst geärgert, wie aufwändig es war, eine freie Startzeit zu finden. Mit campo kann ich jetzt zum Beispiel einfach sagen: „Zeig mir mal alle freien Startzeiten am Samstag morgen zwischen 8 und 9 Uhr für drei Personen auf einem 18-Löcher-Platz an. Und ich möchte nicht weiter als 50 Kilometer fahren.“ Dann zeigt campo nur die Plätze an, die wirklich frei sind.

MW: Ich muss also auch nicht mehr zusätzlich im pdf-Turnierkalender auf der Homepage des Wunschclubs schauen, ob der Platz frei ist. Und ich kann via campo sofort mein Greenfee bezahlen, muss also kein Bargeld passend dabeihaben, falls ich vor Öffnung des Clubsekretariats golfen möchte. Dadurch erleichtern wir auch für die Clubs das Cash-Management. Sobald jemand bucht, ist das Geld auf dem Konto.

FA: Es birgt für den Golfer auch kein Risiko, vorab online zu bezahlen: Jede Buchung, mit Ausnahme von Aktionspreisen, ist bei uns flexibel stornierbar. Bis zu einer Stunde vor der Startzeit erhält man das Geld sofort zurück.

Kann man sagen, dass ihr Interessierten den Zugang zum Golfsport durch eure Online-Buchungsplattform vereinfacht und gleichzeitig den Clubs helft, nicht nur mehr Buchungen zu erhalten, sondern auch insgesamt präsenter zu sein?

FA: Ja, das bringt es gut auf den Punkt. Wir versuchen, alle in der digitalen Welt zusammenzuführen, haben eine Schnittstelle zu PC CADDIE und CLUBINONE sowie ein Tool für Clubs, die keine Startzeitenbuchung anbieten. Unsere Plattform ermöglicht es den Clubs wie keine andere, ihr Angebot weitreichend zu vermarkten, und dem Golfer, einfach ins Spiel zu kommen. 

Und was kostet es mich, eure Plattform zu nutzen?

MW: Nichts. Der Club zahlt eine geringe Provision für die Vermittlung. Für den registrierten User ist unser Service dagegen kostenfrei und er zahlt keine Vermittlungs- oder Bearbeitungsgebühr, sondern nur den Greenfee-Preis, den der Club auf unserer Plattform kommuniziert.

Wie kommt denn eure sehr moderne Idee in der zum Teil recht konservativen Clubwelt an? Ist es schwer, Clubs als Partner zu gewinnen?

MW: Teils teils. Wir haben jetzt rund 100 Clubs, die bereits die Vorteile erkannt haben und die als Multiplikatoren ihre Mitglieder und andere Clubs dafür begeistern. Tendenz steigend. Bei anderen müssen wir jedoch noch Vorbehalte abbauen und ganz am Anfang anfangen. Nicht selten haben wir schon die Antwort „Also, das mit dem Internet machen wir hier nicht“ gehört. In vielen Fällen sind die Clubs auch noch sehr stark auf ihre Mitglieder und Beiträge, nicht aber auf Gastspieler und zusätzliche Einnahmequellen ausgerichtet. Einige Clubs kennen noch nicht mal ihre eigenen Preistabellen. Der Golfsport könnte noch professioneller organisiert sein. Wir stehen da noch ganz am Anfang in der Branche. Aber wir haben auch schon Lösungen für dynamisches Pricing entwickelt.

FA (lacht): Wir werden auch der Bärtige und der Tätowierte genannt und scheinen dem ein oder anderen offenbar mit unserer Idee zu freaky. Im Grunde leisten wir Pionierarbeit und müssen einen langen Atem haben. Zum Teil ist es schwierig, überhaupt den richtigen Ansprechpartner im Club zu finden. Wir haben aber auch schon eine Reihe cooler Unterstützer gefunden, wie zum Beispiel die Landesverbände in Schleswig-Holstein, Niedersachsen-Bremen und Bayern.

In der Tat seht ihr nicht wie typische Golfer aus. Spielt ihr selbst Golf und wie kommt euer Äußeres auf dem Platz an?

FA: Ich spiele seit 15 Jahren Golf und Matthias seit ungefähr einem Jahr. Das Elitäre hat uns nie an diesem Sport gereizt, wir wollen einfach spielen. Und: Ja, es kommt auf den Club an. Manche, wie zum Beispiel der Mainzer Golfclub, sind sehr offen und freuen sich, wenn nicht nur klassische Clubgolfer, sondern auch solche Typen wie wir auf der Anlage sind.

MW: Wir geben dem Sport bewusst ein zeitgemäßes, cooleres Image. Das zeigt sich am Design unserer App und Online-Plattform sowie auch an den Produkten in unserem Online-Shop.

In euerm Shop bietet ihr unter dem Motto „Zeit zu golfen“ originelle Shirts an. Werdet ihr die Produktrange noch erweitern?  

MW: Das kann gut sein. Je nachdem, wie sich die Nachfrage entwickelt. Vielleicht verkaufen wir irgendwann mehr Klamotten als Startzeiten (lacht). Nein, unser Fokus liegt momentan auf der Weiterentwicklung unserer Plattform, sprich auf der Club- und User-Akquise. Angebot und Nachfrage hochzufahren, das ist die Herausforderung.

Florian, du hast in deinem vorherigen Leben sehr zielstrebig deine Karriere verfolgt, als Führungskraft im Konzern Macht und Geld besessen. Heute bist du Start-up-Gründer – vermisst du nicht dein geregeltes Einkommen und sicheres Leben?

FA: Nein, überhaupt nicht, auch wenn wir noch keine schwarzen Zahlen schreiben. Auf meiner 8.500 Kilometer langen Wanderung haben sich einige Dinge verändert. Status, Geld, Ansehen sind mir heute nicht mehr wichtig. Das war früher anders. Matthias ist der kreative Kopf von campo und ich der Analytiker. Zudem gibt es noch einen Entwickler in unserem Team. Wir haben alle total unterschiedliche Arbeitsweisen, ergänzen uns aber perfekt, haben immer wieder neue Ideen und können uns hundertprozentig vertrauen. Es gibt keine Intrigen, keine Machtspielchen. Wir machen einfach – und das genieße ich sehr, auch wenn das Ganze ein ganz schöner Tanker ist, den es zu bewegen gilt!

Vielen Dank für das Gespräch!

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