Interview

Foto: Jens Maspfuhl

Der Inklusinator

Von jetzt auf gleich querschnittsgelähmt – Jens Maspfuhl ist es passiert. Die Liebe zum Golfsport und sein unermüdlicher Wille haben ihn wieder aufgerichtet: Heute ist der 52-Jährige neunfacher Deutscher Meister im Paragolf der Golfer mit Behinderung und engagierter Kämpfer für die Integration von Gehandicapten. Wir haben mit dem Aktivisten über sein Leben, seine Mission und den langen Weg zur Inklusion gesprochen.

Von jetzt auf gleich querschnittsgelähmt – Jens Maspfuhl ist es passiert. Die Liebe zum Golfsport und sein unermüdlicher Wille haben ihn wieder aufgerichtet: Heute ist der 52-Jährige neunfacher Deutscher Meister im Paragolf der Golfer mit Behinderung und engagierter Kämpfer für die Integration von Gehandicapten. Wir haben mit dem Aktivisten über sein Leben, seine Mission und den langen Weg zur Inklusion gesprochen.

Herr Maspfuhl, vom 14. bis zum 21. März finden in Abu Dhabi die Special Olympics statt. Diese Weltsommerspiele der Menschen mit geistiger Behinderung sind ein guter Anlass, unseren Umgang mit Behinderten zu überdenken. Jeden von uns kann ein Schicksalsschlag treffen. Von einem Augenblick auf den anderen kann alles anders sein. Sie haben es erlebt. Was genau ist Ihnen passiert?

Im November 2003 reiste ich zum ersten Mal mit meinen beiden Freunden Stefan und Thomas nach Thailand zum Golfen. Ich war gerade ins einstellige Handicap -8,9 gegangen und es sollte der erste dreiwöchige Urlaub seit Jahren sein. Jeden Tag Golf. Am sechsten Tag, auf dem Weg nach Rayong Golfclub Eastern Star, verunglückte ich schwer: Ich stieg aus dem Auto aus und wollte die Straße überqueren, um zu einem Getränkemarkt zu kommen. Meine beiden Freunde waren schon dort. Beim Überqueren der Straße werde ich wohl in die falsche Richtung gesehen und den Linksverkehr vergessen haben, ein Fahrzeug erfasste mich und schleuderte mich zu Boden. Meine beiden Freunde brachten mich sofort in ein gutes Krankenhaus. Die Diagnose war leider nicht so gut. Not-OP: Genickbruch im siebten Halswirbel, von der Brust abwärts gelähmt, Rollstuhl forever. An diesem Tag bekam ich ein zweites Handicap dazu.

Vor dem Unfall waren Sie ein erfolgreicher Eventveranstalter, Musikproduzent und Inhaber eines Nightclubs in Frankfurt. Auf Ihrer Website sieht man mehrere Bilder aus dieser Zeit, die Sie mit vielen Freunden zeigen. Dann wurden Sie aus Ihrem Leben herauskatapultiert: Der Unfall, die Querschnittslähmung, eine sechsmonatige Reha – wie haben Sie es geschafft, Ihre Lebensfreude zu bewahren?

Ich bin immer noch lebenslustig. Man steht in dieser Situation vor der Entscheidung: „Aufgeben“ oder „Weiter“. Ich entschied mich für „Weiter“ und nahm den Unfall als Schicksal und als Herausforderung an. Viele Freunde blieben mir treu und besuchten mich täglich in der Klinik. Nach dem Krankenhaus bemühte ich mich um Normalität. Der einzige Unterschied war, dass ich nicht mehr laufen konnte und daher den Rollstuhl brauchte, um von A nach B zu kommen.

Sie sind sportlich sehr aktiv, reisen und unternehmen viel, haben geheiratet, sind sozial bestens vernetzt – nicht jeder, dem ein solches Schicksal wie Ihnen widerfährt, gelingt dies. Nicht selten sind in so einem Unglücksfall der soziale Abstieg und die gesellschaftliche Isolation die Folge. Warum war das bei Ihnen nicht so?

Ich war schon vor dem Unfall bestens vernetzt, habe eine tolle Familie und tolle Freunde.
Man muss natürlich seinen Teil dazu beitragen und sich nicht zurückziehen oder immer schlecht drauf sein. Wenn man das macht, wird es sehr einsam. Ein glückliches, erfülltes Leben ist auch im Rollstuhl möglich! Nach der Reha ging ich direkt auf den Golfplatz und es war kein Jahr vergangen, da bin ich wieder nach Thailand gereist, wo ich dann meine Frau Yang kennenlernte. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Das Leben im Rollstuhl ist nicht negativ!

Golf spielt in Ihrem Leben eine sehr große Rolle. Vor Ihrem Unfall waren Sie ein erfolgreicher Hobbygolfer. Nach dem Unfall führte ihr erster Weg aus der Klinik auf den Golfplatz, heute sind Sie neunfacher Deutscher Meister im Paragolf der  Golfer mit Behinderung und amtierender Deutscher Meister 2018. Wie hat Ihnen Ihre Liebe zum Golfen nach dem Unfall geholfen?

Mein Leben hat sich komplett verändert, aber es geht weiter! Es bringt nichts, aufzugeben. Diese Einstellung und das Golf haben mir mein Leben gerettet. Das Golfen vielleicht nicht direkt, aber es hat einen sehr großen Beitrag dazu geleistet, das neue Leben anzunehmen. Ich hatte das Ziel, wieder Golf zu spielen, und das trieb mich an, auch wenn die Ärzte das Vorhaben für unrealistisch hielten und der Körper noch schwach war, aber ich wollte es unbedingt.

Warum ist Golf gerade auch für Menschen mit Behinderung eine tolle Sportart?

Golf bedeutet Lebensqualität und ein soziales Leben. Beim Golfen kommt es nicht auf Schnelligkeit an und das Verletzungsrisiko ist gering. Es ist eine der wenigen Sportarten, die es dank ihres Regelwerks und nivellierenden Vorgabensystems ermöglicht und begünstigt, dass Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt gemeinsam golfen können. Ich spiele zu 90 Prozent mit Golfern ohne Behinderung und kann auch dabei immer noch ein paar Euros gewinnen. Wichtig ist, dass man auf Augenhöhe spielt. Golfer mit Behinderung sind teilweise Leistungsträger und golfen auf einem guten, sogar sehr hohen Niveau. Das beweisen sie jährlich bei der Internationalen Amateurmeisterschaft der Golfer mit Behinderung des DGV. In diversen Behindertenklassen sind die Spieler einstellig. International sind die Golfer mit Behinderung über die European Disabled Golf Assocation organisiert, die unter anderem von der R&A, European Tour, Ryder Cup und Ping unterstützt wird.

Das Golfen ermöglicht Ihnen ein geländegängiger, mehrere tausend Euro teurer Spezialrollstuhl mit Elektromotor, der Paragolfer.Wie funktioniert das?

Ja, der Paragolfer ist eine tolle Erfindung. Er bringt mich in den aufrechten Stand und ich kann damit bis zu 30 Kilometer weit fahren. Ohne ihn wäre es mir nicht mehr möglich, meiner Golfleidenschaft nachzugehen! Zum Glück entdeckte mein Bruder Dirk diesen Spezialrollstuhl im Internet, schon kurz nach dem Unfall konnte ich so meinen Traum vom Wieder-Golfen in Angriff nehmen. In Deutschland gibt es circa zehn Paragolfer, die mir bekannt sind und regelmäßig an Golfturnieren teilnehmen. Davon sind circa fünf Paragolfer Leistungsträger mit einem Handicap zwischen -17 und -30. Letztes Jahr im November haben rund 50 Paragolfer aus der ganzen Welt an einem Paragolfer-Turnier in Spanien teilgenommen. Leider war ich da schon im Winterlager in Thailand.

Dürfen Sie mit dem Gerät überall auf den Platz und wie reagieren die anderen Golfer auf Sie? Sind die deutschen Clubs überhaupt auf behinderte Golfer eingestellt?

In Deutschland ist es überhaupt kein Problem, überall zu spielen. Der Paragolfer funktioniert auf dem Konzept einer Mähmaschine und schädigt dadurch nicht das Grün. Die meisten Golfplätze sind barrierefrei und gut zu befahren. Das Problem sind die Clubhäuser. In vielen Fällen sind sie noch nicht barrierefrei, immer mehr bemühen sich aber darum. Barrierefreie Clubhäuser wären generell schön und für alle sinnvoll. In den Köpfen muss sich noch was tun: Es wäre einfach toll, wenn Behinderten das Leben nicht als Randgruppe erschwert würde, sondern wenn sie in den normalen Alltag integriert, also nicht eingeschränkt werden würden, und das nicht nur auf dem Golfplatz, sondern überall!

Aktivität und Kreativität bezeichnen Sie als die beiden Konstanten in Ihrem Leben. Seit Ihrem Unfall engagieren Sie sich für Behinderte, zum Beispiel unterstützen Sie die Father Ray Foundation im thailändischen Pattaya, die Behinderten die Chance auf Bildung und Arbeit gibt. Warum eine Institution in Thailand?

Weil es wichtig und sinnvoll ist. In Thailand haben Behinderte eigentlich kaum eine Chance: Vom Staat gibt es nur geringe soziale Leistungen, Menschen mit Behinderung müssen deshalb arbeiten. Die Father Ray Foundation ermöglicht Hunderten eine Ausbildung und vermittelt 99 Prozent in den ersten Arbeitsmarkt.

Auch hierzulande kämpfen Sie dafür, dass Behinderte ein normales Leben führen können, nicht eingeschränkt und ausgegrenzt werden, dass sie sich bewegen können, ohne aufzufallen, anzuecken, Umstände zu bereiten. Was genau tun Sie?

Inklusion ist ein großes Wort, der Weg dahin noch sehr lang und in Deutschland findet Inklusion leider noch nicht so richtig statt. Es ist nicht möglich, als Behinderter ein uneingeschränktes, normales Leben zu führen. Behindertenparkplätze werden zum Beispiel einfach von Nicht-Behinderten genutzt, Behinderten-WCs sind keine Selbstverständlichkeit. Deutschland ist eines der wenigen Länder mit einer Zweiklassengesellschaft, sprich: Wir haben ein Schulsystem und ein Förderschulsystem. Wir haben den ersten Arbeitsmarkt und wir haben die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Barrierefreiheit wird in Deutschland nicht zwingend vorgeschrieben, so dass teilweise Arzt, Anwälte und viele wichtige Orte speziell für Rollstuhluser nicht erreichbar sind. Fragen Sie sich einfach selber mal, wann und wo Sie mit einem Menschen mit Behinderung ein Gespräch geführt haben oder wo Sie Menschen mit Behinderung im ersten Arbeitsmarkt arbeiten gesehen haben. Dr. Wolfgang Schäuble zählt da bitte nicht. Behinderte finden im Alltag nicht statt. Es gibt noch viele Hürden zu überwinden. Ich habe deshalb 2008 die Deutsche Unfall- und Katastrophenopfer Hilfe e.V. gegründet. Wir setzen uns dafür ein, dass Behinderte wahrgenommen werden, und zwar auf Augenhöhe und nicht als Opfer. Seit 15 Jahren organisieren wir zum Beispiel das Jens Maspfuhl Charity Golfturnier in Friedberg. Ein immer sehr schönes Erlebnis, bei dem Behinderte und Nicht-Behinderte zusammenkommen und auf sportliche Weise zeigen, wie Inklusion geht. Dieses Jahr findet das Turnier am 13. Juli zum 16. Mal im Golfpark am Löwenhof in Friedberg statt, als Schirmherr mit dabei ist Hessens Minister für Inneres und Sport Peter Beuth.

Sie sind zudem Leiter des 1. Leistungszentrums für Kinder und Erwachsene mit Behinderung. Ist der Sport für alle Formen von Behinderungen geeignet?

Nein, Golf ist nicht für alle Formen der Behinderungen geeignet, genauso wie bei Menschen ohne Behinderung Golf sicherlich nicht für alle Menschen geeignet ist. Wir trainieren Golfer mit Einschränkungen im Bereich Arm, Bein, Mental und Rollstuhl. Die meisten sind schon Golfer gewesen und möchten nach einem Schicksalsschlag wieder ihren Sport ausüben. Dabei unterstützen wir sie. Unser Ziel ist es, Talente im Para-Golf zu finden und zu fördern.

Wie finanziert sich Ihre Einrichtung: Stehen Sponsoren dahinter oder erhalten Sie Drittmittel, z.B. von einem Landesgolfverband oder der deutschen Sportförderung?

Wir finanzieren uns über Spenden vieler Golffreunde und die Förderung des Hessischen Behinderten- und Rehabilitationsverbandes (HBRS), der insgesamt 27 Sportarten für Menschen mit Behinderung unterstützt. Wir bräuchten aber mehr Sponsoren, deshalb würden wir uns sehr freuen, wenn sich nach diesem Interview einige Unterstützer bei uns melden würden.

Es mag ein langer Weg sein, wie Sie sagten, aber ein wenig tut sich schon in puncto Inklusion und Golfsport in Deutschland. Einige Clubs haben bereits Inklusionsbeauftragte. Zum Teil werden Inklusionstage und -turniere veranstaltet. Der Deutsche Golf Verband (DGV) startet zudem im Mai 2019 das Projekt „Golf Inklusiv“, eine auf drei Jahre angelegte Initiative, mit dem Ziel, Inklusionsbeauftragte zu qualifizieren und in Golfclubs zu installieren. Sie wird mit finanziellen Mitteln der Soziallotterie „Aktion Mensch“ gefördert und vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) unterstützt. Golfer mit Behinderung werden sichtbarer: Bei den Special Olympics in Abu Dhabi geht unter der Leitung von Bradley Kerr auch eine Golfmannschaft aus Deutschland an den Start. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Am Anfang des Weges, denke ich. Es wäre sehr schön, wenn sich mehr in diesem Bereich tun würde. Das Projekt des DGV ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Für die normalen Golfer ist es sicherlich teilweise bereichernd zu sehen, wie sich Menschen nach einem Schicksalsschlag wieder in ihr Leben zurückkämpfen. Man sollte Inklusion als eine Bereicherung verstehen und sie unterstützen. Ist doch eine tolle Gelegenheit, sozial aktiv zu werden, was viele Golfer auch schon sind. Inklusion ist ein Gewinn für alle Beteiligten!

Vielen Dank!

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