Foto: shutterstock.com/Photo Talk - Einheitliche Golfregeln gibt es schon lange, nun endlich auch ein globales Handicap-System

Segen oder Fluch?

Alles neu macht der Mai … oder der Januar: Seit dem 1.1.2021 gibt es jetzt ein globales Handicap-System, das World Handicap System (WHS).

Das WHS vereinheitlicht die zuvor weltweit bestehenden sechs Vorgabensysteme und wirft unter den Golfern einige Fragen auf. Wir haben mit Sanja Bradley (DGV-Abteilung Recht & Services) und Malcolm Gourd (DGV-Abteilungsleiter Regularien, Course Rating & Spielleiter) über die Neuerungen gesprochen.

Warum gibt es jetzt ein neues Handicap-System? Das alte war doch gar nicht schlecht.

Malcolm Gourd: Ja, das alte war in der Tat gar nicht so schlecht. Dennoch muss auch der Golfsport erkennen, dass die Welt kleiner wird. Vor 20 Jahren wurde Golf zu nahezu 100 Prozent im eigenen Land gespielt. Dann wurde der Golfsport zunehmend überregionaler. Es ist nur konsequent, dass unser Sport, der seit 65 Jahren nach den gleichen Regeln gespielt wird, nun auch bei den Handicaps ein einheitliches Berechnungsverfahren anwendet.

Ist das Handicap denn für den Großteil der Golfer relevant, also der Aufwand für die Entwicklung des WHS überhaupt gerechtfertigt?

Gourd: Man könnte ernsthaft daran zweifeln, ob der Aufwand hierfür gerechtfertigt war. In Deutschland haben etwa 600.000 registrierte Golfspieler ein Handicap und im internationalen Vergleich werden nur sehr wenige handicaprelevante Runden gespielt. Da aber offensichtlich ein Großteil der Golfer ein Handicap allein als Status-Symbol versteht, ist es natürlich für diese absolut relevant. Wir dürfen uns aber dann internationalen Standards nicht verschließen. Vielleicht hilft das neue WHS, die Sichtweise auf die Handicaps wieder ein wenig ins rechte Licht zu rücken. 

In Deutschland ist handicaprelevantes Golfen jetzt nur noch von April bis Oktober erlaubt. Berücksichtigt das neue System die Bedürfnisse des Spielers?

Sanja Bradley: Absolut, das WHS besagt ja lediglich, dass während der Hauptspielsaison, in Deutschland von Mai bis September, alle Einzel-Spiele vom Grundsatz her auch handicaprelevant gespielt werden müssen. Das heißt aber nicht, dass das von Oktober bis April nicht geht. Dies obliegt dann dem Club. Es kann also das ganze Jahr handicaprelevant gespielt werden.   

„Nur ein richtiges Handicap ist ein gutes.“

Das neue System ist eine Durchschnittsberechnung des Handicaps, die dem Spieler ohne technische Unterstützung nicht möglich ist. Warum wurde die Berechnung für den Golfer nicht transparenter gemacht? 

Gourd: Das Verfahren ist jetzt fairer und passgenauer. Es kommt ein neues Ergebnis in den Pool derer, aus denen die besten acht den Index bestimmen. Das älteste – immer vorausgesetzt, es gibt bereits 20 Ergebnisse im Pool – fliegt raus. Ist es schlimm, nicht sofort nach dem letzten Putt wissen zu können, wie sich das Handicap verändert? Wir glauben nein, denn wir sollten doch primär Golf spielen aus Spaß am Sport. Das Handicap folgt der Leistung dann automatisch. Und nur ein richtiges Handicap ist ein gutes. Ein niedriges Handicap kann ein ganz schlechtes sein, wenn es dem Leistungsniveau nicht entspricht.

 Wo kann ich meinen aktuellen Handicap-Index einsehen? 

Bradley: Das wichtigste Portal, neben der Hompage des Heimatclubs, ist die Site golf-dgv.de. Dort finden die Golfer ihren digitalen Ausweis mit stets aktualisiertem Handicap-Index, sowie das Handicap History Sheet, das frühere Vorgabenstammblatt, und den Scoring Record. 

Gourd: Genau, jeder Spieler hat jetzt ein Handicap History Sheet und einen Scoring Record. In dem History Sheet sind alle Ergebnisse, die im Intranet am Tage der Konvertierung vorlagen, eingeflossen, also auch die, die nicht vorgabenwirksam gespielt wurden, und auch solche, die älter waren als vier Jahre. Im Scoring Record hingegen sind nur die letzten maximal 20 Ergebnisse, die aus handicaprelevanten Spielen der letzten vier Jahre entsprungen sind, aufgelistet. Für die Zukunft können diese Ergebnisse bei Wenig-Spielern aber durchaus älteren Datums sein als vier Jahre. Die vier Jahre gelten also nur für die Rückbetrachtung der Ergebnisse, die unter einem anderen System erspielt wurden.

„Das neue System mag nicht immer jedem gefallen.“

Wird das neue System in Deutschland vielleicht den Umgang mit dem Handicap entspannen, da es nur die aktuellen Ergebnisse berücksichtigt?

Bradley: Das wird die Zeit zeigen. Es ist gut, einem Handicap den Wert zu geben, den es verdient. Das neue System basiert auf den aktuellsten Ergebnissen. Das mag nicht immer jedem gefallen, spiegelt aber das aktuelle Potenzial erheblich genauer wieder – und wird uns ein wenig mehr Entspanntheit aufzwingen. 

Alle 9- und 18-Löcher-Zählspiel-Turniere sind jetzt in der Saison grundsätzlich handicaprelevant. Das mag für den ein oder anderen Spieler ein Problem sein. Wie nehmen Sie ihm die Skepsis?

Bradley: Im Gegensatz zu früher bedeutet eine schlechte Runde nicht mehr automatisch eine Heraufsetzung des Handicap-Index. Wenn einmal 20 Ergebnisse im Scoring Record sind, werden ja nur die besten acht zur Kalkulation herangezogen. Wenn diese nicht zu den ältesten gehören, dann kann ein Spieler zwei-, dreimal ein schlechtes Ergebnis spielen, ohne dass dies eine Auswirkung auf seinen Index hat. Diese Ergebnisse werden nämlich nicht zu den besten acht gehören. Je mehr Ergebnisse im Scoring Record sind, desto besser wirkt das System und desto weniger gewichtig werden auch einzelne schlechtere Ergebnisse. 

„Es ist das fairere System!“

Sie sind beide begeisterte Golfer. Was gefällt Ihnen an dem neuen System?

Gourd: Es bedeutet für uns alle eine große Umstellung, ist aber das fairere System. Golfleistung ist schwankend und ein Handicap soll mir, so gut es geht, immer die meiner aktuellen Form angemessenen Schläge geben, die ich benötige, um konkurrenzfähig gegen andere zu spielen. Das neue System wird diesem ureigenen Gedanken des Handicaps sehr viel gerechter. Mein Handicap war vorher 1,5 Schläge weiter unten. Das lag an einer besonderen Runde an einem besonderen Tag. Seither habe ich dieses Ergebnis nicht mehr bestätigen und somit nicht mehr konkurrenzfähig in Turnieren um Preise spielen können. Da für mich ein Handicap ein Spiegelbild meiner Leistung ist, freue ich mich über den neuen Spiegel, der mein Spielpotenzial weniger „tailliert“ darstellt. Das Leistungspotenzial ist identisch, lediglich der Spiegel ist ein anderer geworden.

Bradley: Langjährige Golfer werden möglicherweise etwas Eingewöhnungszeit brauchen – dazu zähle ich mich auch. Ich habe in den letzten 25 Jahren sehr wenig und zudem nur selten Turniere gespielt. Vom neuen System verspreche ich mir, bereits nach den ersten acht handicaprelevanten Runden einen HCPI zu erspielen, der meinem aktuellen Spielvermögen entspricht. Im alten System hätte das länger gedauert. Das WHS wird bereits nach einer Saison ins Fleisch und Blut übergehen. 

Vielen Dank für das Gespräch!                                                           


Weitere Informationen hier. Fragen? Kontakt: Tel. 0611/99020-0, Mail: handicap@dgv.golf.de

Interviewpartner:

Sanja Bradley
Jahrgang 1970, Wiesbadenerin, zwölf Jahre Clubmanagerin des Frankfurter GC, 2016 – 2019 Vizepräsidentin des Golf Management Verbandes (GMVD), seit Oktober 2020 tätig im Mitgliedersupport der DGV-Abteilung Recht & Services, Arbeitsschwerpunkt World Handicap System, HCPI: 18,7, Heimatclub: Mainzer GC

 

Malcolm Gourd
Jahrgang 1967, Bad Camberger, seit 24 Jahren Mitarbeiter im DGV, seit 2020 DGV-Abteilungsleiter Regularien, Course Rating; seit 2001 Mitglied des Course Rating Ausschusses der United States Golf Association (USGA), 5 Jahre Mitglied des Handicapping and Course Rating Committee der European Golf Association (EGA), 9 Jahre Handicapping Secretary der EGA (TZ), HCPI: 13,7, Heimatclub: GC Taunus Weilrod