Foto: Mainzer GC/Matthias Gruber - Golffreude pur - beim Mainzer GC

Neustart

Turbulentes Frühjahr für den Golfsport: Nach der coronabedingten Schließung aller Golfanlagen in Deutschland Mitte März schien auch nach der erneuten Regierungserklärung im April bis mindestens Mai kein Spielbetrieb möglich zu sein.

Da die Umsetzung der Regierungsbeschlüsse jedoch Ländersache ist, nahmen Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz bereits zum 20.4.2020 den Spielbetrieb wieder auf, weitere Bundesländer folgten, als letztes Hessen am 11.5.2020. Da lief der Spielbetrieb im Mainzer Golfclub bereits seit drei Wochen ... Wir haben Mitte Mai mit seinem Geschäftsführer Stefan Kirstein über diese herausfordernde Zeit gesprochen:Herr Kirstein, wie haben Sie auf die Schließung des Mainzer GC am 18.3.2020 reagiert?

Ich hatte gerade alle Mitarbeiter in einem Teammeeting auf die Saison eingeschworen und reagierte überrascht bis ungläubig. Schwer vorstellbar, dass die Politik solch dramatische Maßnahme ergreift. Nachdem der Betrieb dann runtergefahren war, hatten wir das Glück, nicht mit allen Kollegen aus der Verwaltung in Kurzarbeit zu müssen, sondern versuchten, die Dinge pragmatisch anzupacken. Ich begann, mich mit den Vorgaben für die Wiederöffnung zu beschäftigen, und versuchte, dem Team Ruhe zu vermitteln. Das hat Sicherheit gegeben und neue Kräfte freigesetzt. Der 20.4.2020 stand ja als möglicher Öffnungstermin in Aussicht – dies hat uns eine Perspektive gegeben. Jeder hat mit angepackt, lange verschobene Projekte wurden realisiert. Dank der klaren Vorgaben in der Allgemeinverfügung des Landes Rheinland-Pfalz war die Wiederaufnahme des Spielbetriebs dann sehr klar geregelt. 

Wie haben Sie die letzte Zeit empfunden?

In den ersten zwei Tagen nach der Schließung stand das Telefon nicht still. Es kamen viele Nachfragen von unseren Mitgliedern. Keiner wusste, wie er auf diese ungewohnte Situation reagieren sollte und wie es weitergeht. Dazu natürlich die Rückfragen des Teams. Ein oder zwei Tage waren plötzlich gefühlt so schnelllebig wie früher ein halbes Jahr. Ruhe auszustrahlen und den Kollegen Sicherheit zu geben, war das Ziel und die größte Herausforderung. 

Wie war der Tag der Wiedereröffnung?

Stressig, von Null auf 120 ging es für das gesamte Team sofort voll los. Das Telefon stand nicht mehr still. Dass wir von Anfang an auch Last-Minute-Gastspieler zugelassen haben, hat einen immensen Ansturm ausgelöst, insbesondere von vielen Golfern aus Hessen, dort waren die Anlagen ja zu dem Zeitpunkt noch nicht wieder geöffnet. Dazu dann das Steuern, dass jeder Bescheid weiß und alle sich an die Regeln und Vorgaben halten. Alle waren glücklich. Es war positiver Stress, nicht dieser existenzielle!

Wie hat sich der Spielbetrieb auf Ihrer Anlage verändert? 

Abstandsregeln usw., es ist alles etwas unpersönlicher geworden. Auf dem Platz haben wir den Service und die Kontrolle hochgefahren. Wir hatten mit 98 Prozent eine extrem hohe Auslastung in den ersten 20 Tagen und deshalb dauerhaft Marshalls draußen, die geguckt haben, dass alles funktioniert. Es ging ausschließlich um das Golfen. Der gesellschaftliche Teil, der einen Golfclub und das Clubleben auch ausmacht, ist aber leider ein Stück weit verloren. 

Leben Sie in ständiger Angst vor einer erneuten Schließung? 

Ja, das schwebt in der aktuellen Zeit wie ein Damoklesschwert über uns. Das Gefühl war in den Anfangstagen besonders stark, da wir eine der ersten geöffneten Anlagen waren. Das Ordnungsamt hat uns bislang 13 Mal überprüft. Immer ohne Beanstandungen. Auch unsere Marshalls auf dem Platz mussten noch keine Sanktionen ergreifen. Die Mitarbeiter, Mitglieder und Greenfee-Spieler sind sensibilisiert und gehen mit den Freiräumen verantwortungsbewusst um. Das ist toll und sollte an dieser Stelle unbedingt deutlich werden!

Viele Anlagen lassen vorzugsweise ihre eigenen Mitglieder spielen. Und Sie?

Unsere Mitglieder haben Privilegien bei der Startzeitenbuchung. Die Nachfrage war enorm: In den ersten beiden Wochen buchten sie 2.000 Startzeiten, doppelt so viele wie sonst. Greenfee-Spielern konnten wir nur Randzeiten oder kurzfristige Slots anbieten. Mittlerweile hat sich die Lage entspannt, auch weil die Anlagen in Hessen wieder geöffnet sind. Ich habe es, neben den wirtschaftlichen Erträgen, als fair und wichtig empfunden, Greenfee-Spielern Spielmöglichkeiten zu geben. 

Sie haben bereits am 5.5.2020 einen Gästetag durchgeführt, mit einem Vorbuchungsrecht für Gastspieler wie VcG-Mitglieder. Warum?

Wie gehen wir aufgrund der extremen Nachfrage mit dem Gästethema um, das war die Frage. Ich hielt es für sinnvoll, auch in schwierigen Zeiten an unsere Gäste zu denken und sich ihnen gegenüber offen zu positionieren. Der Gästetag war ein voller Erfolg. Wir waren ausgebucht! 

Waren Ihre Mitglieder nicht verärgert?

Das war sehr unterschiedlich, natürlich fanden es vereinzelte Mitglieder falsch, aber die meisten schätzten es, dass wir ein Zeichen gesetzt haben. „So ist Mainz. Das passt zu uns und unserer Willkommensstruktur“, „Wir denken auch jetzt an die Greenfee-Spieler“, das waren die Reaktionen. Ich würde es wieder machen.

Turniere und Events sind auf unabsehbare Zeit nicht in gewohnter Form durchführbar. Was nun? 

Unsere Golfer haben ihren ersten Spieldurst gelöscht, die Nachfrage nach Turnieren und Events steigt, aber es ist schwierig. Was zählt als sportlicher Wettkampf, was nicht, was ist erlaubt, was nicht, das ist alles unklar. Klar ist, dass das Gesellige im Clubhaus nicht geht. Digitale Siegerehrungen und Ähnliches, solche Themen haben wir im Kopf. Ich bin ein Visionär und glaube, da wird sich noch viel entwickeln. Der Druck der Golfer, endlich wieder ihr Handicap zu verbessern, ist unausweichlich. 

Ist die Saison verloren oder sind Sie noch zuversichtlich?

Ich bin per se jemand, der positiv denkt. Ja, Wir haben alle sechs Wochen geblutet in vielen Bereichen, aber aufgeben ist keine Alternative.  Die Menschen sehnen sich nach Natur, haben mehr Zeit und weniger Freizeitmöglichkeiten – ich glaube, dass wir darin auch eine große Chance für den Golfsport sehen können. Ich würde es mir zumindest wünschen!

Vielen Dank für das Gespräch!