Unter anderem auch Golf.

Ein Diplom-Pädagoge, der Golf hasst, übernimmt 2001 die Verantwortung für eine Driving Range. 17 Jahre später betreut er einen Club mit 1.400 Mitgliedern, golft begeistert über 27 Löcher, etabliert Bogenschießen, Boule, ein weithin bekanntes Gasthaus und einen „Streichelzoo“. Aber für Helmut Böhmer, Geschäftsführer der gemeinnützigen Haxterpark GmbH und 1. Vorsitzender des Universitäts-Golfclubs Paderborn, geht es um mehr.

Interview Helmut Böhmer. Foto: LWL/Arendt.Herr Böhmer, der Golfpark Haxterhöhe steht für Sport, Forschung, Ökologie und Inklusion – wie fing das eigentlich damals an?

Die Driving Range war eine zur Koordinationsforschung gedachte Ausgründung der Universität Paderborn, es gab aber kein Betriebskonzept. Man suchte einen Manager. Golf war mir wirklich sehr fern, ich wollte aber gerne den Job. Dann machte ich innerhalb eines Jahres bei der VcG meine Platzreife und entwickelte mich vom Golfhasser zum leidenschaftlichen Spieler. Mit Hilfe von Sponsoren und der Unterstützung für strukturschwache Gebiete konnten wir 2004 für 180.000 Euro einschließlich Beregnung den 9-Löcher-Kurs „Universität“ eröffnen. Auch wenn es nur eine Wiese mit DGV-Course Rating war, wurde sie doch Heimat für den in Absprache mit der Uni Paderborn gegründeten Verein, der als Integrationsunternehmen geführt wird.

Interview Helmut Böhmer. Foto: LWL/Arendt.Ist das ein exklusiver Universitätsverein?

Sehr exklusiv, denn ich glaube, es ist in Deutschland der einzige seiner Art. Aber was die Mitgliedschaft betrifft – nein: Spaß am Golfspiel ist die einzige Voraussetzung. Es gibt ganz verschiedene Mitgliedsangebote, auch Greenfee-Spieler sind herzlich willkommen. Sie brauchen keine Clubmitgliedschaft, aus Sicherheitsgründen aber eine DGV-Platzfreigabe. Mitglieder und Gäste sollten wissen, dass sich der Universitäts-Golfclub den Leitbildern Inklusion, Nachhaltigkeit und Wissenschaft verpflichtet fühlt und diese auch umsetzt.

Offensichtlich schätzen viele Golfer diese Philosophie. Ein zweiter Platz musste her, aber warum ausgerechnet ein „Links Course“ oberhalb von Paderborn?

Man muss nur einen Blick auf unsere Haxterhöhe Links werfen, um das zu verstehen. Die sanft wellige, baumlose Landschaft, der typische Bewuchs magerer Böden und der ständig wehende Wind – ganz in der Nähe steht der größte Binnen-Windpark Europas – lassen schon Küstengefühl aufkommen. Und der Kalkstein, dessen offene Flächen wir als Wasserhindernis kennzeichnen dürfen, beweist ja, dass hier mal Meer war. Auf die Modellierung des Bodens sind wir besonders stolz. Obwohl das Gelände aus der Luft die frühere, fast rechteckige Ackerfläche noch gut erkennen lässt, hat man auf dem Platz ein Gefühl von Weite – nebst Blick auf Eggegebirge, Teutoburger Wald, Münsterland und den Paderborner Dom.

Ihre Plätze sind GEO-zertifiziert, was bedeutet das?

Die vom R&A St. Andrews mitbegründete Golf & Environment Organisation [Link: sustainable.golf] vergibt Punkte für soziales und ökologisches Engagement. Allein die Umwandlung der Ackerflächen in Magerflächen mit einer für Kalksteingebiete typischen Flora und Fauna sowie die primäre Wasserversorgung über Brunnen haben uns den unglaublichen Wert von 568.000 Ökopunkten gebracht – was immer das heißt. Das Zertifikat stellt uns jedenfalls in eine Reihe mit St. Andrews und dem Ryder-Cup-Gastgeber Golf National bei Paris, das macht uns schon stolz. Wir haben Festuca-Gras auf den Grüns, eine robuste alte schottische Grassorte, die wenig Wasser und kaum Dünger braucht und die vom Greenkeeper gefürchteten Poa Annua-Gräser unterdrückt. Seltene Pflanzen, Feldlerchen und Greifvögel sind wieder heimisch geworden. Darüber hinaus gewinnen wir eigene Energie, zurzeit aus Photovoltaik-Anlagen, zukünftig vielleicht auch aus Windkraft. Wir warten auf günstige Stromspeicher mit viel Kapazität.

Das wäre doch mal ein Forschungsauftrag …

In der Tat arbeiten wir in vielen Bereichen eng mit der Universität zusammen, das geht von der Betriebswirtschaft bis zur Demenzforschung. Im Moment wird gerade ein Interface für Kleinrasenmäher erprobt, das mittels dreier einstellbarer Schnitthöhen einen einzigen Rasenmäher für Abschläge, Vorgrün und Grün ermöglicht. Das könnte Kommunen in strukturschwachen Gebieten anregen, mit kleinen, kostenextensiven Golfplätzen attraktiver zu werden – meiner Meinung nach die Chance für Golf als Breitensport. Und der Fachbereich Optoelektronik entwickelt zusammen mit der Krupp-Stiftung einen Bogen mit Sensor, der Bogenschießen für Blinde möglich macht.

Interview Helmut Böhmer. Foto: Haxterpark GmbH.Wesentlicher Bestandteil der Haxterpark-Philosophie ist die Inklusion.

Das ist ein ganz wichtiges Ziel, wir verfolgen es auf zwei Ebenen: Die Haxterpark GmbH ist ein Inklusionsbetrieb. Wo immer es möglich ist, setzen wir Mitarbeiter mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen in Gastronomie, Greenkeeping und Verwaltung ein und gestalten das Arbeitsumfeld entsprechend, einfache Maschinen und Werkzeuge, die Ausstattung im Greenkeeping unterscheidet sich maßgeblich von der anderer Golfanlagen, Anweisungen werden einfach gehalten, nicht zu viele Arbeitsschritte im Voraus angekündigt. Insgesamt zur Zeit rund 20 Menschen mit Handicap sind auf unserer 58 Hektar großen Anlage beschäftigt. Sie lernen hier zudem das Golfen, was ihre gesamte Motorik und vor allem die Auge-Hand-Koordination verbessert. Das kommt ihnen im Alltag und bei der Arbeit zugute.  Und hier betreiben Sportler aller Art Golf, Boule und Bogenschießen. Wir arbeiten im Rahmen von Abschlag Schule eng mit vier Schulen zusammen, zwei sind Förderschulen, eine davon hat Golf sogar ins Schulprogramm aufgenommen. Außerdem bieten wir mit speziell geschulten, erfahrenen Pros Lungen- beziehungsweise Atemkurse und Golf für Schlaganfall-Patienten und ihre Partner an. Ein Schlaganfall bedeutet häufig nicht nur eine starke körperliche Einschränkung, sondern auch den Verlust sozialer Kontakte. Beim Golf stellen sich neben körperlicher Mobilisierung wieder Erfolgserlebnisse ein. Unser öffentliches Gasthaus, der Club und Turniere bieten eine offene und lockere Basis für Gespräche und neue Bekanntschaften.

Zum Schluss: Was hat es mit dem Streichelzoo auf sich?

Wir möchten Menschen zusammenbringen, dazu machen wir uns schon viele Gedanken. Der „Zoo“ besteht zurzeit allerdings nur aus drei Eseln, die eigentlich für ein Projekt „Wandern mit Tieren“ vorgesehen waren, aber lieber und sehr standhaft in Stallnähe bleiben. Wir denken deshalb über „Wandern mit Ziegen“ nach. Aber Anton, Lotte und Liesel locken zusammen mit dem bekannt guten Essen im Gasthaus Haxterpark viele Besucher auf die Haxterhöhe. Manche bleiben – das freut uns.

Vielen Dank für das Gespräch.

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