Digitales Fasten auf dem Fairway

Einfach ausschalten und abschlagen: Für eine Weile bewusst offline zu sein, tut Körper und Geist gut. Warum sich moderate Sportarten wie das Golfen für eine digitale Auszeit eignen, erfuhr die Vereinigung clubfreier Golfspieler e. V. (VcG) jetzt von Dr. Daniela Otto, Autorin des Buches „Digital Detox“*, der Ärztin Dr. med. Mirriam Prieß und dem Digitalexperten Prof. Dr. Gerald Lembke.

Der Digitale Burnout. Grafik: VcG.Vom Rohkost-Detox über Detox-Yoga und Detox-Smoothies bis hin zur digitalen Variante – Detoxen, das Loswerden-wollen von unerwünschten Kilos, Stoffwech-selprodukten, Giften oder Stress, boomt. Zunehmend an Bedeutung gewinnt angesichts der neuen Medien und technischen Innovationen die digitale Enthaltsamkeit auf Zeit, das Digital Detox. Darunter versteht man den Verzicht auf die Benutzung elektronischer Geräte wie Smartphones oder Computer. „Bewusste digitale Auszeiten sind wichtig“, betont Dr. Daniela Otto: „Sie helfen, den Körper neu zu starten, Stress zu reduzieren und mit der physischen Welt zu interagieren. Einfach mal offline in den Tag starten oder Golfen gehen – das ist ideal zum sogar mehrstündigen digitalen Detoxen und Entspannen.“

Analog versus digital

Für viele Menschen ist die digitale Abstinenz eine große Herausforderung, denn: Deutschland ist süchtig nach seinen Smartphones. Einer Studie der Universität Bonn zufolge unterbrechen die Deutschen 88 Mal am Tag Handlungen, nur um aufs Smartphone zu schauen, davon 53 Mal um es für die Nutzung einer App zu entsperren. Sie beschäftigen sich täglich bis zu drei Stunden mit ihrem Mobilgerät.** Dabei geht es in erster Linie um die Kommunikation per whatsapp, facebook und ähnliche Dienste, wie eine aktuellen Studie der Berliner Humboldt-Universität belegt.*** „Das Smartphone führt zu einer oberflächlichen Wahrnehmung unserer Umwelt und zu einer Verdrängung der sozial-physischen Kommunikation“, gibt Professor Gerald Lembke zu Bedenken. „Wir verlernen das Soziale durch das Digitale, denn die für die soziale Kommunikation zuständigen Hirnbereiche werden weniger aktiviert.“ Dr. med. Mirriam Prieß bestätigt: „Die Fähigkeit zur Begegnung mit sich selbst und anderen geht verloren. Wir verlieren das eigene Maß und das Wissen, was uns entspricht und was wir tatsächlich brauchen!“ Likes und Nachrichten sorgen für die soziale Bestätigung, haben aber auch ein großes Suchtpotenzial: „Wir sind süchtig nach den Glücksmomenten, die uns die Online-Kommunikation liefern kann“, so Lembke. Das Immer-auf-dem-Laufenden-Sein gibt ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Das Gehirn jedoch ist durch die Informationsmenge, ständige Interaktion und Kommunikation überlastet.** Es droht der digitale Overkill. *** Oft habe der Umgang mit digitalen Medien pathologische Züge: „Wir scheinen nicht mehr ohne zu können“, so Otto. „Der User hat das Gefühl, auf jede eingehende Nachricht sofort reagieren zu müssen. So erzeugen die neuen Medien Stress, der körperliche Folgen wie Bluthochdruck, Magengeschwüre, Schlafstörungen und Diabetes haben kann. Kein Organ ist vor ihm sicher. Auch die Psyche ist bei Dauerstress in Gefahr: Depressionen, Erschöpfung und Burnout sind möglich.“ Lembke ergänzt: „Das Frontalhirn steht unter Dauerfeuer, die Synchronisation der Hirnregionen wird verlangsamt.“

Schlagartig entspannt

Umso wichtiger ist es allen drei Experten zufolge, ein Bewusstsein für die Mediennutzung zu ent-wickeln und sich digitale Auszeiten zu nehmen, zum Beispiel auf dem Golfplatz: „Golf ist ideal für ein Digital Detox“, so Otto. „Es ist eine sehr bewusste, stilvolle Sportart, die in der Natur, in einem entspannten Setting, stattfindet: Golfplätze strahlen geradezu eine meditative Ruhe aus. Beim Golfen weitet sich unser Blick, wir schauen in die Ferne und erkennen die Schönheit um uns herum. Der Sport findet im Hier und Jetzt statt und wirkt nachweislich positiv auf Körper und Geist!“ Auf dem Golfplatz fällt das digitale Detoxen leicht, weiß auch VcG-Geschäftsführer Marco Paeke: „Ein Handy stört hier. Sein Klingeln würde beim Abschlag irritieren und es ist schlichtweg unhöflich, es auf der Runde zu zücken.“ „Frische Luft ist besser ist als virtuelle Luft“, betont Lembke. „Die Fokussierung auf die Ausübung bestimmter physischer Tätigkeit, wie das Golfen, erfordert Konzentration. Viele Hirnbereiche werden gleichzeitig angesprochen und gefordert.“ Und Prieß ergänzt: „Sport kann helfen, sich selbst wieder zu begegnen und ins eigene Gleichgewicht zu kommen, dies wiederum wirkt sich positiv auf die Beziehung mit anderen aus. Sie sind entspannter, offener und auch widerstandsfähiger. So haben einige Patienten von mir, die aufgrund eines Burnouts in die Beratung den Golfsport genutzt, um durch die Begegnung und konzentrierte Bewegung in der Natur, wieder „zur Ruhe und zu sich zu kommen“ – Grundvoraussetzung für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.“

Weniger ist mehr

Ob mit oder ohne Golf: „Digital Detox ist vor allem eine Haltung. Es geht darum, sich mental gegen den Stress zu wappnen und sich nicht durch unbeantwortete Mails und Anrufe unter Druck setzen zu lassen“, so Otto. „Reduzieren ist das Motto: Nicht jeder Newsletter und jede Eilmeldung sind notwendig, nicht jeder Klingelton ist ein Muss. Einfach einmal offline sein und entspannen ist heilsam.“ Prieß bestätigt: „Man sollte sich selbst Zeiten setzen, in denen man auf das Handy konsequent verzichtet.“ Die richtige Balance zwischen Smartphone-Nutzung und -Nichtnutzung hält auch Lembke für entscheidend. „Entspannung muss ohne Smartphone geschehen. Ich empfehle: Digital ausschalten – real einschalten, zum Beispiel das Smartphone am Wochenende in die Schublade legen und Glücksmomente in der realen Welt initiieren.“ Der Digitalexperte findet: „Das Gerät ist als situatives Instrument für die Arbeitsgestaltung und temporäres Kommunikationsmittel okay. Eine Stunde Smartphone-Nutzung am Tag ist in der Regel aber für die meisten Menschen völlig hinreichend.“ Das Abschalten lohnt sich in vielfacher Hinsicht: „Digitales Fasten ist wichtig: Die Körperhaltung verbessert sich, weil man nicht mehr runter auf das Display schaut, die Empathiefähigkeit steigt, man hört anderen besser zu, strengt sein Gehirn an statt zu googlen, ist also kreativer, schläft besser ohne das helle Licht des Displays und nimmt seine Umwelt und Mitmenschen, zum Beispiel durch die gemeinsame Golfrunde, anders wahr“, bringt es Otto auf den Punkt. „Beginnen kann man mit dem digitalen Detoxen jederzeit. Ausschalten und abschalten schadet nicht. Man muss es nur einfach tun – und durchhalten!“

*“Digital Detox: Wie Sie entspannt mit Handy & Co. leben“, Verlag: Springer, April 2016, ISBN-13: 978-3662489666
** www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/digitaler-burnout-zu-viel-smartphone-macht-ungluecklich-a-1056361.html
*** www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article146354066/Diese-App-hilft-gegen-Smartphone-Sucht.html

[zur Startseite]          [zum Newsroom]